A wie Arteriosklerose

Der Chefarzt sagte, erst dachten wir ja, es sei ein Vorhofflimmern, das den Schlaganfall auslöste, doch nun gehen wir davon aus, dass Arteriosklerose der Übeltäter war. 

A wie Arteriosklerose w (von griech. arteria = Arterie, skleros = trocken, hart), Arterienverkalkung, E arteriosclerosis, häufigste Erkrankung der Arterien; meist im hohen Alter auftretend, zunehmend auch vor dem 40. Lebensjahr (juvenile Arteriosklerose); in der westlichen Welt häufigste Todesursache. Bei der Arteriosklerose kommt es zu chronisch fortschreitenden, degenerativen Veränderungen an den Wänden arterieller Blutgefäße. Die Veränderungen gehen meist von der Innenschicht (Intima) aus und sind gekennzeichnet durch Verdickung, Verhärtung, Elastizitätsverlust sowie Einengung des Gefäßlumens. Diese verursacht Durchblutungsstörungen, eine Thrombenbildung kann den vollständigen Gefäßverschluss herbeiführen (arterielle Verschlußkrankheit). Je nach betroffenem Gebiet kommt es zu Schmerzen in den Beinen, Gangrän, Koronarer Herzkrankheit, Angina pectoris, Herzinfarkt, Hirnleitungsstörung, Hirninfarkt (Apoplexie, Schlaganfall), Nierenschrumpfung oder zur Aneurysmabildung. Gehirnarteriosklerose.

Arteriosklerose ist übrigens auch vererbbar. Die Weitergabe des Gens, das für Arteriosklerose verantwortlich ist, ist abhängig vom Geschlecht der Elterngeneration. Trägt ein männlicher Vorfahre das Gen, kann es nur auf die weiblichen Nachkommen übertragen werden, trägt ein weiblicher Vorfahre das Gen, dann sind die Jungs dran.

Na ja, ist das klar? Haben Sie das verstanden? Hab ich das deutlich ausgedrückt?

Ja, ich denke, das haben sie ganz sachlich formuliert, ganz prima und die Botschaft, die ist durchaus ankommen, hier bei mir und meinen weiblichen Geschlechtszellen.

Genau, also weniger medizinisch gesagt, also in Ihrem Fall, ja also Sie, Sie sind dann als Tochter Ihres Vaters auch betroffen.

Gut, dann wäre das auch geklärt. Gibt es sonst noch etwas, das wir jetzt besprechen können?

Ich kann Ihnen das mit der Vererbungslehre auch nochmal im Detail erklären, ich meine, ist ja wichtig für Sie, mache ich natürlich gerne, so viel Zeit muss sein.

Wissen Sie, bei Genetik, da habe ich in der Schule ausnahmsweise aufgepasst, die Öhrchen gespitzt und die Äuglein geöffnet.

Man muss einfach nur ein bisschen seinen Lebensstil ändern. Sie rauchen doch eh nicht, oder?

Nein, also Rauchen, Rauchen, das ist ja nun wirklich was für Leute, die überfordert sind, ihr Leben nicht bewältigen können, nicht in den Griff kriegen, diese ganzen Jammerlappen, Melancholie-Rotzer, Nostalgie-Spinner mit ihren kleinen Problemchen und dem Rädchen der Welt. 

Und Sie machen doch Sport?

Oh ja, und wie! Ich laufe mir täglich, schon seit ein paar Jahren, täglich die Wunde fuß, also, wenn Sie verstehen was ich meine, ich bin quasi Marathon-Läuferin.

Oh, aber Marathon, das ist nun wirklich nicht gesund. Da sollten Sie sich mal ne andere sportliche Betätigung suchen. Und Alkohol, wissen Sie auch, dass man das nur in Maßen zu sich nehmen sollte, ich meine, na ja, weiß ja jeder.

Ja, natürlich! Als ob ich mir täglich den Wein in den Körper kippe, also nein, ich bitte Sie, wo würden wir denn da hinkommen, nein, ich stehe schon eher auf Champagner, manchmal Crémant, wenn ich knapp bei Kasse bin. 

Gut, ja, also, falls Sie noch Fragen haben, ich bin natürlich jederzeit für Sie da. Oh, was haben wir denn dort, eine Narbe?

Ja, ehemaliger Schönheitsfleck.

Aber schön sind Sie ja immer noch. Also, wo war ich stehen geblieben, ja, ich stehe Ihnen natürlich zur Verfügung, Sie können sich auf mich verlassen, mich jederzeit anrufen, ich beantworte Ihnen gerne Ihre ganzen Fragen.

Vielen Dank, das ist wirklich sehr nett von Ihnen, ich denke, also, wie schon gesagt, die Botschaft ist angekommen, und wie ich jetzt damit umgehe, also, das hat ja auch noch Zeit, ich bin ja jung und schön, wie Sie sagen, und ja, jetzt habe ich auch erstmal andere Dinge zu tun, ich meine, ich habe gerade mein Studium fertig, und Sie wissen, die Vererbungslehre, mein Vater, der liegt ja auch hier, und wenn ich die Lage richtig einschätze, dann liegen wir hier auch noch ne Weile, dann wäre ich doch gleich am richtigen Ort, bei den ganzen Schlaganfallpatienten, und einer mehr oder weniger, das macht den Kohl ja auch nicht dünner, falls es jetzt schon passieren sollte, also ja, ich bin mir sicher, wir werden uns noch des Öfteren über den Weg laufen und dann können wir ja sehen, mit den Turnschuhen, wie das so läuft, und den Zigaretten, natürlich die aus Schokolade, nech Opa, die hast du uns früher immer so gerne mitgebracht, das habe ehrlich gesagt auch nie verstanden, ich meine Schokoladenzigaretten sind doch wie Spielzeugpistolen, wieso gibt es die überhaupt und die Gläser, ach, oft sind das doch auch ganz zerbrechliche Dinger, lange stehen die ja eh nicht gerade, dann muss man erstmal Neue besorgen, das ist schon auch anstrengend, und kostet ja auch, dafür muss man erstmal die Zeit und das Geld haben. 

Ja, gut, also, wenn dann erstmal keine Fragen mehr sind, dann ja, haben Sie noch einen schönen Tag. 

Ja, vielen Dank, danke für das ausführliche Gespräch, super Infos und das wünsche ich Ihnen natürlich auch, einen schönen Tag, ihre Schicht hat auch gerade erst angefangen, nicht wahr, da kann ja noch Einiges an Schönem auf sie zukommen, heute, hier in diesem Wohlfühl-Paradies für Ausrangierte. 

Ich frage: Brauche ich jetzt ne Patientenverfügung, in meinem Alter? Ist das notwendig? Ist es besser, wenn ich das regle oder sollte das lieber, das Leben regeln? Oder überlasse ich das den Menschen? Wie viele Menschen wollen eigentlich, dass ich lebe? Und gibt es jemanden, der mir den Tod wünscht, der mich so sehr hasst? Und wie ist das nochmal mit der Liebe, war da was? Hat mir eigentlich schonmal jemand gesagt, dass er mich liebt? Und zählt das? Oder wie wichtig ist das überhaupt? Und was ist mit einem Testament? Na ja, ich hab eh nichts zu vererben, oder soll ich jetzt aufschreiben, also den Schrank meiner Großtante, den bekommt die Paula? Und den Mantel meiner Großmutter, den mag die Mara bestimmt? Meinetwegen kriegt Max die Worte, aber welche Worte eigentlich, na dann den Spiegel und der Journalist die Bücher über die Kriege in der Welt und über die Europapolitik? Leon bekommt die Gedichtbände, ach nee, die sind ja auf deutsch, obwohl, der sollte auch mal europäischer werden, mehr Sprachen lernen, dazu die Zeichnungen und die Kunst an den Wänden. Lisa bekommt dann den Rest der Bücher, und Lena, die Projekte und den Verein? Meine Brüder und meine Schwester bekommen die Fotoalben, vielleicht kann man die einfach durch drei Schrägstrich vier teilen und was ist mit meiner Mutter, lebt dann meine Mutter noch? Und wen habe ich jetzt vergessen? Oh, den Organspendeausweis, also, den muss ich jetzt auf jeden Fall ausfüllen, hört Ihr, liegt griffbereit in meinem Portemonnaie, also, ich gebe alles her, für das Leben anderer, ich denke, auch im Tod bin ich noch für Leben, oder gegen den Tod, obwohl, kann man überhaupt im Tod sein, und im Leben tot? Das Letztere, das geht auf alle Fälle, glaube ich. Ach, und Euch habe ich auch welche bestellt, liegen unten auf dem Küchentisch, habt Ihr sie gefunden? Sind auch EU-zertifiziert, falls Ihr im Ausland sterbt.
Puh, jetzt schlägt mir aber mein Herz. Na ja, zum Glück kann man da nur sagen.


»Mia, aufstehen! Du kommst zu spät!«
Meine Mutter rief von unten. Ich wischte mir den Schlaf aus den Augen, zog die Bettdecke ans Gesicht und spreizte meine Zehen. Schwer lag mein Körper auf der Matratze. Mein Kopf schmerzte. War Arteriosklerose wirklich vererbbar? Ich griff mein Handy und googelte. Nein. Es gibt eine erbliche Veranlagung, aber keine direkte Vererbung. Ich atmete durch, sprang aus dem Bett und wusch mir im Badezimmer das Gesicht. Dennoch sollte ich später mit dem Chefarzt sprechen.

Der Text A wie Arteriosklerose ist zusammen mit dem Text Das A wird zum I und den Gedichten Zwischenmenschen in der slowenischen Übersetzung von Tanja Volk in der Literaturzeitschrift mentor (2017, 3. številka) erschienen.
http://www.jskd.si/knjigarna/literatura/revije.html